Initiatoren

 

Die Initiatoren des Samurai-Programms, Karin Kalbantner-Wernicke (Kinder-Physiotherapeutin und Shiatsu-Lehrtherapeutin) und Thomas Wernicke (Facharzt für Allgemeinmedizin), haben vor vielen Jahren das Projekt ins Leben gerufen. Möchten Sie mehr über die Initiatoren wissen, dann finden Sie weiter unten auf der Seite ein Interview mit ihnen (erschienen in: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur, 4/2016, S.50).

 
 
Karin Kalbantner-Wernicke

Karin Kalbantner-Wernicke

Thomas Wernicke

Thomas Wernicke

 

 

DZA Interview
Karin Kalbantner-Wernicke
Thomas Wernicke

 

DZA: Liebes Ehepaar Wernicke! Im Jahr 2015 wurde in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur (DZA) erstmals das Samurai-Programm vorgestellt. Auch in der amerikanischen Zeitschrift ´Medical Acupuncture´ ist ein großer Artikel darüber erschienen. Und vor einigen Monaten wurde das Samurai-Programm in österreichischen Schulen unter Federführung einer gesetzlichen Krankenkasse eingeführt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

TW: Wahrscheinlich liegt das daran, dass dieses Programm von jedermann umgesetzt werden kann und das ohne großen Aufwand. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass selbst Skeptiker von der Effektivität des Programms überzeugt sind – wahrscheinlich liegt es an beidem.

 

DZA: Können Sie das Samurai-Programm denen, die es bisher noch nicht kennen, kurz vorstellen?

KKW: Das Samurai-Programm ist ein Praxisprogramm, das der Gesund­heitsförderung dient. Durch Berührung mittels einfacher Shiatsutechniken und Bewegungsangeboten lernen Kinder und Erwachsene sich besser zu spüren und zu konzentrieren. Durch seine klare Struktur und Konzeption können alle Übungen bereits nach kurzer Zeit eigenständig und effektiv durchgeführt werden. Es bieten sich vielfältige Einsatzmöglichkeiten an –  vom Kindergarten mit altersgerechter Darstellung der Behandlungsabläufe, wir nennen das ´Samurai-Shiatsu für Minis´, über die Schule als Schulprogramm bis hin zum Seniorenheim als Gruppenangebot bei mobilen Menschen oder als Einzelbetreuung immobiler Menschen.

 

DZA: Mit dem Begriff ´Samurai´ verbinden viele die Vorstellung vom Kämpfen. Ist das nicht hinderlich, um ein solches Programm zu verbreiten?

TW: Das ist richtig – bei dem Begriff ´Samurai´ denken viele zunächst an Kämpfen. Aber genau darum geht es nicht - - 

 

DZA: Warum dann „Samurai“?

TW: Der Begriff „Samurai“ beinhaltet die Bedeutungen „Diener“, „Begleiter“ und „Beschützer“. Als Namensgeber steht er auch für „mutig“, „stark“, „gesund“ und für einen achtsamen Umgang mit sich und anderen. Dadurch, dass fast alle Kinder Mangas oder die japanischen Zeichentrickfilme Anime kennen, wissen sie, was ein Samurai ist.

 

DZA: Welche Rolle spielen Samurai für die Schule?

KKW: Wir haben bewusst das Samurai-Schulprogramm in ein japanisches Rahmenprogramm mit einer Geschichte eingebettet. Die Geschichte um zwei japanische Samurai-Schüler und die dazu gehörigen Zeichnungen sprechen Mädchen und Jungen gleichermaßen an. Ihnen fällt es leicht, sich mit einer der beiden Figuren zu identifizieren, zumal sie erfahren, dass es im alten Japan sowohl männliche als auch weibliche Samurai gab.

 

DZA: Hätte man da nicht die Geschichte in unserem Kulturkreis, zumindest im europäischen, spielen lassen können?

KKW: Ja, schon – aber dann haben wir das Problem ´Vorurteil´. Durch das Samurai-Schulprogramm kann der einzelne Schüler oder Schülerin in eine Samurai-Rolle schlüpfen, unabhängig von seinem eigenen kulturellen Hintergrund. So werden sie durch das Programm an etwas Fremdes herangeführt und ermutigt, Neues auszuprobieren, ohne dass bei ihnen Widerstand oder Vorurteile erzeugt werden. Je größer ihre Identifikation während einer Spiel- oder Übungssituation ist, desto mehr können sie mit ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten experimentieren. 

 

DZA: Wie kam es zu der Idee des Samurai-Programms? 

KKW: Es war nicht eine Idee, sondern eine Notwendigkeit, die aus unserer Arbeit mit Kindern heraus entstand. Wir machten die Beobachtung, wie im Laufe der Jahrzehnte die Entwicklung der Kinder sich veränderte – im Guten wie leider auch im Schlechten. Bereits 1990 hatten wir im Rahmen des von der EU geförderten Projektes GUKIS – Gesundheit und Krebsprävention in der Schule – mit den ersten Schulprojekten begonnen und diese seitdem ständig weiterentwickelt. Richtungsweisende Impulse erhielten wir neben unserer beruflichen Tätigkeit als Kinder-Physiotherapeutin und Arzt mit Behandlungsschwerpunkt Babys und Kinder aus unserer über 30-jährigen praktischen und unterrichtenden Tätigkeit in den Bereichen Baby- und Kinder-Shiatsu und Shōnishin, der nadellosen japanischen Kinderakupunktur. 

 

DZA: Welche Veränderungen konnten Sie feststellen?

TW: Wir stellten fest, dass Kinder nicht nur durch Bewegungsmangel auffallen, sondern dass sie sich auch immer weniger spüren. Daraus resultieren in vielen Fällen Aufrichtungsmangel oder auch ein ständiges Zappeln – um mal einige Auffälligkeiten zu nennen. Schnell wird diesen Kindern der Stempel ´ADHS´ aufgedrückt. Dazu kommt der Leistungsdruck. Dieser, gepaart mit Haltungsproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten, führt leicht zu Stresssymptomen, wie sie auch viele Erwachsene kennen. So klagen die Kinder über Bauch- oder Kopfschmerzen und kämpfen mit Schlafproblemen. In der Schule fallen sie durch Lernprobleme auf, denn gerade aufgrund ihrer Haltungsprobleme fällt es ihnen besonders schwer, den ganzen Tag auf dem Stuhl zu sitzen und dabei sich auch noch konzentrieren zu müssen. Um sich immer wieder zu aktivieren, müssen sie zappeln oder sie schalten einfach ab und bekommen den Unterrichtsstoff nicht mit.

 

DZA: Demnach waren Ihre Beobachtungen von Schulkindern ausschlaggebend?

TW: Richtig. In unserem Therapiezentrum wurden die Wartezeiten für einen Termin immer länger. Es waren vor allem die Schulkinder, die uns vor Augen führten, dass etwas geschehen musste. Das war offensichtlich. Es konnte doch nicht sein, dass so viele Schulkinder pathologisiert wurden und als therapiebedürftig angesehen wurden! Also müssen wir dort ansetzen, wo das „Problem“ am deutlichsten in Erscheinung tritt: im Elternhaus und in der Schule. 

KKW: Zeitgleich kam dazu, dass Lehrer auf uns zutraten und uns nach Übungen fragten, damit ihre Schüler dem täglichen Leistungsdruck in der Schule begegnen können. Das war der Anstoß für das Samurai-Schulprogramm. 

 

DZA: Welches Konzept steht hinter dem Samurai-Programm?

KKW: Wir haben das Programm so konzipiert, dass durch unterschiedliche Berührungsqualitäten sowohl die jeweiligen Meridiane als auch die verschiedenen Sinnessysteme angesprochen und aktiviert werden. Zusätzlich wird durch eine modifizierte Form des Shiatsu – wir nennen es Samurai-Shiatsu – das Körperbewusstsein gefördert und der strapazierte Rücken entlastet. So wird der Kopf frei und die Schüler und Schülerinnen können sich unbeschwert auf den Unterricht konzentrieren. 

 

DZA: Wie setzt sich das Samurai-Schulprogramm genau zusammen?

TW: Um die Hauptziele des Programms zu erreichen – also Verbesserung der Propriozeption, der sozialen Kompetenz, der gegenseitige Respekt und Anerkennung sowie Selbstwirksamkeit – setzt sich das Samurai-Schulprogramm aus der Behandlungssequenz Samurai-Shiatsu, aus Bewegungsangeboten und aus Wissenswertem über japanische Kultur zusammen. 

 

DZA: Was bewirkt das Programm?

KKW: Bis zum Alter von etwa acht Jahren – das wissen wir aus der Entwicklungsphysiologie – stellt Bewegung die Grundlage zur Erschließung der Umwelt dar. Dazu bedarf es einer weiteren Fähigkeit, die eng an Bewegung gekoppelt ist: der Wahrnehmung. Wahrnehmung ist für das Kind wie für den Erwachsenen Voraussetzung, damit es reagieren, kommunizieren und sich mit sich und seiner Umwelt auseinandersetzen kann. Durch das Samurai-Programm werden die Sinnessysteme angesprochen und aktiviert, das Körperbewusstsein wird gefördert, das Sozialverhalten gestärkt, der strapazierte Rücken wird entlastet, der Kopf wird frei und … das Lernen macht wieder Spaß.

 

DZA: Und das unter Berücksichtigung der Meridiane?

TW: Das ist genau das Wesen des Samurai-Programms. Aus Meridiansicht werden den unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung – wir sprechen von den Basissinnen – bestimmte Meridiangruppen zugeordnet. Zwar befinden sich beim Kind die einzelnen Meridiane einer jeden Meridiangruppe noch in einem Entfaltungsprozess, dennoch scheinen die sich zunehmend entfaltenden Meridiane auch Taktgeber für die kindliche Entwicklung zu sein. Man kann davon ausgehen, dass erst mit dem Abschluss der Pubertät es auch zu einem Abschluss der Meridianentfaltung kommt. 

 

DZA: Und dazu haben Sie das ´Modell der energetischen Entwicklung´ konzipiert. Was besagt das Modell?

TW: Das ´Modell der energetischen Entwicklung´ besagt, dass entsprechend dem motorischen und sensorischen System auch das energetische System - und damit die Meridiane - zum Zeitpunkt der Geburt eines Kindes noch nicht vollständig ausdifferenziert ist. So wie motorische und sensorische Entwicklung sich schrittweise entwickeln, findet auch eine schrittweise Entwicklung der Meridiane statt. Das Wissen um diese Dynamik in der Meridianentwicklung bildet die energetische Grundlage, auf der das Samurai-Programm basiert.

 

DZA: Wenn sich eine Schule für das Programm interessiert, wie sieht das konkret aus?

KKW: Zur Einführung des Programms gehen speziell im Samurai-Programm ausgebildete Shiatsu-Praktiker einmal pro Woche, insgesamt dreimal, in die Schulen und unterweisen Schüler und Lehrer in den gesamten Ablauf. Nach drei und nach sechs Monaten gehen die Shiatsu-Praktiker erneut in die Schule, um den Verlauf zu beobachten und zu dokumentieren.

 

DZA: Können die Schüler das Programm nur mit einem Partner oder Partnerin durchführen?

KKW: Nicht unbedingt – viele Behandlungssequenzen können auch als Eigenbehandlung ausgeführt werden. Das gilt insbesondere, wenn es um die Selbstwirksamkeit geht. Hier lernen die Schüler, was sie tun können um sich selbst zu helfen. Es geht um Techniken, wir nennen diese „Geheimtechniken“, um in schwierigen Situationen sich selbst helfen zu können – zum Beispiel, wenn sie vor einer Klassenarbeit aufgeregt sind. Dazu bietet das Samurai-Programm zahlreiche Anregungen.

 

DZA: Sie erwähnten anfangs, dass es vielfältige Einsatzmöglichkeiten des Samurai-Programms gibt. Der Einsatz ist also nicht nur auf Schulen beschränkt?

TW: Nein - nicht nur in den Schulen, auch in Seniorenheimen hat das Samurai-Programm Einzug gehalten. Hier haben sich für uns neue Aufgaben gestellt, wie beispielsweise der Umgang mit Demenz-Betroffenen oder mit immobilen Bewohnern. Uns war bewusst, wie wichtig im letzten Lebensabschnitt Berührung ist, um das eigene Wohlbefinden zu unterstützen. So entstand in Zusammenarbeit mit einer Demenz-Beraterin der Arbeiterwohlfahrt das Samurai-Seniorenprogramm. Neben der Adaption eines Gruppenprogramms, das den Senioren die gegenseitige Behandlung näher bringt, widmet sich das Programm immobilen Menschen zu. 

 

DZA: Sie sprachen auch von ´Samurai-Shiatsu für Minis´.

KKW: Richtig - hier haben wir das Samurai-Programm für den Einsatz in Vorschule und Kindergarten modifiziert. Anhand wunderschöner Zeichnungen und in Versform wird den Kindern vermittelt, wie sie das Samurai-Shiatsu und die Spiele umsetzen können.

 

DZA: Und wie sieht das Projekt in Österreich konkret aus?

KKW: In Österreich ist es uns gelungen, die NÖGKK (Anm.: Niederösterreichische Gebietskrankenkasse) als Partner für das Samurai-Programm zu gewinnen. Im Rahmen des NÖGKK-Projektes "Gesunde Volksschule" ist das Samurai-Programm als Angebot im Bereich der psychosozialen Gesundheit gelistet und im kommenden Schuljahr wird das Programm in zwanzig der teilnehmenden Projektschulen eingeführt. Begleitend dazu werden Lehrerfortbildungen und Elternabenden angeboten. 

 

DZA: Damit wird ja das Samurai-Programm sozusagen international – 

TW: Ja, das stimmt. Wir sind selbst überrascht, wie schnell sich das Programm ausbreitet. Darüber freuen wir uns natürlich sehr. Neben Deutschland und Österreich haben wir bereits in der Schweiz, in Großbritannien, in den USA, in Japan, in Australien, in Schweden, Holland und in Ungarn das Samurai-Programm eingeführt. 

 

DZA: Welche nächsten Ziele haben sie sich für das Samurai-Programm gesteckt?

TW: Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Viel Unterstützung! 

KKW: Der Einsatz in Einrichtungen, die Erstellung der Studie, das Betreuen der Homepage, dieÖffentlichkeitsarbeit, die Suche nach Sponsoren für die Bücher für die Kinder – zum Beispiel im Rahmen von Social Sponsoring stellt uns auch vor große finanzielle Herausforderungen.